Lebensmittelknappheit im Jahr 2010 wird langsam offiziell wahrgenommen
Die bereits seit einem Jahr absehbare Lebensmittelknappheit für das Jahr 2010, die sich im Spätsommer 2010 zusehends manifestiert, erhält nunmehr den offiziellen Status einer Bedrohung.
Ende September 2010 traf sich die Food and Agriculture Organisation der Vereinten Nationen (UN) in Rom zu einer Sondersitzung wegen der drohenden Nahrungsmittelknappheit. Im dazugehörigen Briefing unterbreitet Olivier de Schutter, United Nations Special Rapporteur on the Right to Food, die folgenden Vorschläge zur Verbesserung de Situation: Regulierung des Zugangs zu und der Nutzung von Finanzinstrumenten für Lebensmittel sowie Schaffung und Organisation eines zentralen Vorrats.
Jetzt, im Oktober 2010, hat sogar die wohl meistbeachtete Organisation im Agrarsektor, das United States Department of Agriculture (USDA), ihre Ernteprognosen senken müssen. Bislang war die USDA eher dadurch aufgefallen, dass sie eine Rekordernte prognostiziert, zugleich aber einer großen Zahl landwirtschaftlicher Regionen in den USA einen desaströsen Zustand attestiert hatte. Dass die meisten Marktteilnehmer von der Senkung der USDA-Prognosen "überrascht" wurden, während sich zugleich in den regionalen Medien die Berichte über ungünstige Witterung und schlechte landwirtschaftliche Erträge (gesamte Nordhalbkugel), verrottete Vorräte (Asien), ratlose Landwirte und ungewöhnliche Rohstoffströme häuften, zeigt wohl, wie wenig verlässlich offizielle Zahlen und Expertenmeinungen gelegentlich sind.
Zuvor wurden sich auch Frankreich und Deutschland bereits Anfang September 2010 einig, dass Spekulationen an den Wartenterminbörsen das größte Problem darstellen. Hierdurch würden die Preise für Lebensmittel so weit nach oben getrieben, dass sich ärmere Länder keine Importe leisten könnten.
Es gilt jedoch festzustellen, dass im vorliegenden Fall in Wahrheit völlig falsch (nämlich auf eine Rekordernte) spekuliert wurde und daher die Argumentation der UN, Frankreichs und Deutschlands ins Leere greift. An den Märkten für Agrarrohstoffe war seit Monaten zu beobachten, dass Marktteilnehmer bereit waren, höhere Preise als die an den Börsen ermittelten zu zahlen, um sofort Ware zu erhalten. Der Grund hierfür war, dass die zu hoch angesetzten Zahlen der USDA dafür sorgten, dass alle Marktteilnehmer auf ausreichende Mengen der Rohstoffe in der Zukunft hofften, daher mit fallenden Preisen rechneten und sich nur ad hoc mit der jeweils dringend benötigten Menge eindeckten. Allerdings waren diese benötigten Mengen aufgrund der schlechten Ernten kaum verfügbar, so dass für die Lieferungen Aufpreise bezahlt werden mussten. Hätte die USDA realistische Schätzungen veröffentlicht, wären die Preise bereits seit Monaten auch an den Börsen höher gewesen.
Es ist rätselhaft, wie die Vereinten Nationen meinen, in einem Markt mit knappen Waren Gutes tun zu können, indem sie ihn durch den Aufbau eines zentralen Lagers zusätzlich belasten. Das würde weiteren Preisdruck mit sich bringen. Und mit welcher Art von Verwaltung wollen die Vereinten Nationen denn beschließen, welche Mengen Agrarrohstoffe wo genau hingeliefert werden, wenn wirklich der Ernstfall eintritt?
Aber einmal angenommen, Spekulanten seien wirklich verantwortlich für die zurzeit hohen Rohstoffpreise. Dann stellt sich doch die Frage, woher diese Spekulanten eigentlich das Geld dafür nehmen, die Preise so hoch zu treiben, dass sich ärmere Länder keine Lebensmittelimporte mehr leisten können.
Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman persönlich hat bestätigt, dass diese Investitionsblasen vorsätzlich geschaffen und also in Kauf genommen werden. Sind also wirklich Spekulanten der Kern des Problems, wenn derzeit steigende Rohstoffpreise zu beklagen sind? Oder ist es vielmehr ein völlig überkommenes Welt-Währungs-Gefüge, das für eine Reihe von Marktteilnehmern unfaire Rahmenbedingungen schafft? Richard W. Fisher von der US-Zentralbank-Filiale in Dallas sagte jedenfalls gestern in einer Rede, dass er in einigen Momenten voller Selbstzweifel zu glauben begonnen habe, dass die geldpolitischen Maßnahmen der US-Zentralbank womöglich völlig falsche Auswirkungen haben könnten.
Wenn dies zuträfe, so stellte die Maßnahme der UN lediglich eine Umverteilung dar; genau genommen eine Belastung der Steuerzahler der großen Träger-Staaten dieser UN-Idee, mit der sich diejenigen außerhalb der USA zusätzlich ins eigene Fleisch schneiden: So lange die so umverteilten Rohstoffe auch noch mit US-Dollar bezahlt werden müssen, finanzieren die nicht-US-Steuerzahler indirekt über diese Maßnahme zur Linderung des Hungers auf der Welt gleich noch eine Mischung aus Kaufkrafterhalt für den US-Dollar und importierter Teuerung für ihren Währungsraum mit.
Die Ernten werden 2010 für 2011 übrigens voraussichtlich auch nicht besser ausfallen.
Merkwürdig, dass man das "den Spekulanten" nicht gleich auch noch in die Schuhe schieben will. Aber vielleicht wäre das doch zu offenkundiger Unsinn. Höhere Marktpreise bieten den Erzeugern immerhin mehr finanziellen Spielraum, um mehr auszusäen, die Ernte unter schwierigen Bedingungen zu retten, und so weiter. Erstaunlich, dass der Markt das Problem im Grunde selbst regeln würde. Jedenfalls so lang das Gesamtsystem noch organisch wachsen oder sich stabilisieren kann, und so lang alle Staaten eine gewisse Kaufkraft aufbringen können.
Währungskrieg mit ungleichen Waffen
Daran, dass das Gesamtsystem noch organisch wachsen kann, darf allerdings berechtigter Zweifel bestehen. Und so ist inzwischen sogar in den etablierten Medien von einem Abwertungswettlauf der Währungen, von einem Währungskrieg die Rede.
Dabei scheint es keine Regeln zu geben. So behauptet Ben Bernanke, Oberhaupt der angeblich unabhängigen US-Zentralbank Federal Reserve, die US-Staatsverschuldung gefährde die wirtschaftliche Zukunft der USA. Inzwischen ist seine Zentralbank der zweitgrößte Eigentümer von US-Staatsanleihen nach China. Hat ihn jemand gezwungen, die Anleihen zu kaufen? Oder will er den US-Dollar schwächen, weil ja der chinesische Yuan angeblich überbewertet ist? Oder arbeitet er im Auftrag der privaten Geldinstitute, die Anteilseigner der Federal Reserve sind, gegen die US-Regierung und beginnt damit, das Vertrauen zu zerstören? Nur Ihre Phantasie setzt hier Grenzen bei der Interpretation seiner Aussage. Wie auch immer: Für die USA ist es am einfachsten, einfach wieder die Geldmenge auszuweiten. Das schadet automatisch den Anderen mehr als ihnen selbst.
So reibungslos funktioniert das nicht überall auf der Welt. In der Eurozone hat man mehr Anlass, sich darüber zu streiten, ob denn nun maßloses Geldausgeben oder rigide Sparsamkeit der richtige Weg sei; schließlich ist der Euro nicht die Weltreservewährung. Und so tragen Axel Weber und Jean-Claude Trichet ihre Uneinigkeit dezent öffentlich aus.
Ärgerlich nur, dass, zumindest an der Systemgrenze, der Euro dem US-Dollar schlicht unterlegen ist, weil praktisch jeder, der auf dem Weltmarkt handeln will, US-Dollar daür benötigt. Und so sehen wir bereits jetzt, im Spätsommer 2010, eine importierte Teuerung aufgrund der US-Dollar-Liquiditätsschwemme, nämlich auf der Grundlage der Rohstoffpreise.
Nachdem das System bereits 2008 mit großem Knall an seine Grenze gestoßen ist, wird das derzeitige angebliche Wachstum bestenfalls den selben Effekt zeitigen. Allerdings mit Einschränkungen:
Handelskrieg
Es wird neu umverteilt. Nicht alle Teilnehmer müssen dem ungleichen Spiel weiter tatenlos zusehen. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage kann keine Zentralbank aushebeln.
Und so werden wir wohl weiterhin Schuldzuweisungen, Strafzölle und Exportbeschränkungen erleben, wenn sich die internationale Staatengemeinschaft nicht konstruktiv einigt. Und einige der Maßnahmen, wie beispielweise die Exportbeschränkung seltener Erden seitens China, werden das Kräfteverhältnis im bestehenden System empfindlich treffen.
Denken Sie gut!
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