Kaum ein Tag vergeht, ohne dass in den Medien die Worte Inflation und Deflation ausgiebige Verwendung finden. Regelmäßig wird erörtert, ob nun das eine oder das andere eintreten werde.
Dabei sind sich alle Ökonomen im Kern über eine Formel einig, die das Preisniveau beschreiben kann.
Wie kann das sein? Was ist der Hintergrund? Und warum ist diese Frage überhaupt wichtig?
Ein US-amerikanischer Spaßvogel, der sich Merle Hazard nennt (in Anspielung auf Moral Hazard, ein großes Problem unter Anderem des vermeintlichen Zwangs zur Rettung "systemisch relevanter" Finanzinstitute), bringt es in seinem Country-Song "Inflation or Deflation" aus der Sicht der Verbraucher auf den Punkt: "Will the Dollars in my mattress buy much more next year, or less?" Wird das Geld in meinem Sparstrumpf nächstes Jahr viel mehr wert sein oder viel weniger?
Merle Hazard, seinem Gesangspartner Bretton Wood und allen anderen Interessierten kann geholfen werden:
Wir erleben Inflation und Deflation zugleich, wobei sich die Einflüsse beider Phänomene im zeitlichen Ablauf verändern.
Donnerstag, 16. Juli 2009
Inflation. Deflation. Irritation.
Worte bestimmen das Denken
In meinem Berufsleben ist es wichtig aufmerksam zuzuhören, Missverständnisse zu identifizieren, festgefahrenen Diskussionen Impulse zu geben und die Sichtweisen der Beteiligten sowohl zu respektieren als auch zu hinterfragen.
Im Roman "1984" beschreibt George Orwell unter anderem, wie ein totalitärer Staat den Menschen durch eine stetige "Vereinfachung" der Sprache und die Abschaffung "unnötiger" Worte die Möglichkeit nimmt, sich über Themen auszutauschen die dem Staat ein Dorn im Auge sind. Dem Protagonisten entgeht nicht, dass fehlende Worte nicht nur die Kommunikation erschweren sondern bereits das eigene Denken beeinträchtigen.
In seiner Gegenthese, dem Roman "1985", vertritt Anthony Burgess übrigens den Standpunkt, dass hierzu kein totalitäres System notwendig sei. Ein Fernseher und entsprechende Sendungen für Kinder reichten völlig aus, sofern die Eltern wenig Zeit für ihre Kinder aufbringen können.
Allein anhand der Art wie die Debatte um Inflation oder Deflation geführt wird lässt sich erahnen, dass eine detaillierte Begriffsklärung hilfreich wäre.
Inflation oder Teuerungsrate?
Schaut man auf die Quantitätsgleichung, die in der Volkswirtschaftslehre (wenn auch mit Varianten) weithin akzeptiert wird, so offenbart sich unmittelbar dass Inflation und Teuerungsrate zwei völlig verschidene Dinge sind, auch wenn die Quantitätsgleichung (M × V = P × T) sie in Relation setzt.
Inflation bezeichnet die Ausweitung der Geldmenge M.
Teuerungsrate bezeichnet die Geschwindigkeit des Anstiegs des Preisniveaus P.
Die Quantitätsgleichung betrachtet zwei weitere Faktoren, nämlich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes V sowie die Anzahl der Käufe/Verkäufe T, womit indirekt auch die Verfügbarkeit einer Ware sowie die Wirtschaftsleistung erfasst sind: Steigt bei gleicher Umlaufgeschwidigkeit V die Geldmenge M, muss entweder mehr Ware produziert werden so dass mehr verkauft werden kann (T) oder das Preisniveau P steigt.
Wissenschaftler vereinfachen gern. Unter "normalen" Umständen ändert sich die Umlaufgeschwindigkeit von Geld kaum und Waren sind ihrem Charakter entsprechend verfügbar (Software unterliegt anderen Regeln als Rohstoffe oder Auftragsfertigungen). Unter dieser Annahme schlägt sich die Ausweitung der Geldmenge in höheren Preisen nieder, sofern die Wirtschaftsleistung nicht in gleichem Maße ansteigt.
Und dennoch...
Statistische Ermittlung des Verbraucherpreisindex
Die Teuerungsrate wird vom statistischen Bundesamt ermittelt. Gründe dafür gibt es viele. So sind Warengruppen individuellen Zyklen unterworfen: Von Ernteausfällen über neue Genehmigungsverfahren und Modetrends bis hin zu Projektvorlaufzeiten und Überbewertungen reichen die Faktoren, durch welche die Verfügbarkeit und Bepreisung von Waren real beeinflusst werden.
Wie der im letzten Absatz referenzierte Artikel aufzeigt entspricht die ermittelte Teuerungsrate, der Verbraucherpreisindex, nicht der persönlichen Erfahrung der Menschen. Dies liegt unter anderem daran dass in der Statistik Komfort- und Leistungssteigerungen von realen Preisen abgezogen werden während Konsumenten Wiederanschaffungen gern "in der selben Preisklasse wie bisher" vornehmen und den Ausstattungsgewinn als gegeben hinnehmen. Auch unterscheiden sich die Berechnungsmethoden von Staat zu Staat, was die Darstellung der realen Wirtschaftsleistung verzerrt. Hinzu kommt dass der verwendete Warenkorb den individuellen Kaufgewohnheiten oft nicht entspricht.
Wir sehen also dass reale Preisniveaus nicht mit der Quantitätsgleichung berechenbar sind. Sie ist zwar gültig, aber keine Kristallkugel. Daher werden Preisniveaus ermittelt, aber der statistisch ermittelte Verbraucherpreisindex gibt nur begrenzt die Kaufkraft unter individuellen Lebensumständen wieder.
Wertvoll oder teuer?
Ob etwas wertvoll oder teuer ist entscheidet sich anhand einer Mischung psychologischer Faktoren und objektiver Marktdaten. Diese Mischung ist für verschiedene Investitionen spezifisch und von der wahrgenommenen Gesamtsituation abhängig. In den Preis von Rohöl fließt beispielsweise neben dem aktuellen Verhältnis von Angebot und Nachfrage auch die Lagerhaltung und die Einschätzung der zukünftigen Nachfrage ein. Ob ein Preis für eine Immobilie angemessen ist richtet sich nach ihren Baukosten, aber auch nach ihrer Lage. Die Wiederaufnahme einer Bahnlinie beispielsweise hat schon manchem Immobilienpreis drastisch sinken lassen.
In besonderen Marktsituationen kommen zusätzliche Faktoren ins Spiel. Mangelnde Liquidität beispielsweise belastet die Preise für hochpreisige nicht lebensnotwendige Güter in der Regel stark. In den USA ist beispielsweise der Markt für gebrauchte Motorjachten so weit zusammengebrochen dass Eigentümer ihre Boote unkenntlich machen und davontreiben lassen um die Unterhaltskosten nicht mehr aufbringen zu müssen.
Wie stark die eigene Wahrnehmung auch durch Marketing und die dort stets wiederholten Aussagen geprägt wird lässt sich gut am Beispiel der Aktien sehen. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren Aktien Anteilsscheine, die man vorrangig wegen der erwarteten Dividendenzahlungen besaß. Dass man viele von ihnen auch weitergeben konnte war sicher praktisch und notwendig, aber nicht das Hauptgeschäft.
Wohl die große Popularität der Aktienmärkte hat dazu geführt, dass die vielen ohnehin vorhandenen Euphemismen um Unwahrheiten ergänzt werden. Dass man selten von "Verlusten" und viel häufiger von "Gewinnmitnahmen" hört stützt natürlich euphemistisch das illusorische Gesamtbild einer stetig wachsenden Wirtschaft, aber dass bei fallenden Aktienkursen inzwischen von "Kapitalvernichtung" gesprochen wird ist irreführend. Denn die Tatsache, dass zwei Handelspartner eine Aktie zu einem bestimmten Kurs handeln, bedeutet grundsätzlich nicht dass ein anderer Aktionär diesen Preis ebenfalls erzielen könnte. Die Verwendung des Begriffs "Kapital" im Zusammenhang mit Aktienkursen ist insofern unverantwortlich, weil eine Aktie kein Kapital darstellt, sondern vielmehr Vermögen. Die Verkäuflichkeit einer Aktie, ihre Liquidität, ihre Volatilität und ihr Handelswert können sich mit einer einzigen Unternehmensmitteilung von einer Sekunde zur nächsten dramatisch ändern.
Allerdings hat sich eine ganze Finanzindustrie darauf verlegt, Aktien als zukunftssichere und rentable Anlageform zu propagieren. Dazu gehört dass man über die Marktkapitaliserung eines Unternehmens spricht als wäre dies das Geld, das Menschen in das Unternhmen oder seine Aktien investiert hätten. Das ist beides völlig unzutreffend: Diese Summe Geldes hat es niemals gegeben, sofern der Aktienkurs nahe bei seinen Hochs notiert, denn viele Aktionäre sind ja zu deutlich niedrigeren Preisen eingestiegen.
Insofern muss die Frage erlaubt sein wie es wohl möglich wäre dass alle Aktionäre zu einem Höchstkurs aus einer Aktie aussteigen können obwohl viele bei niedrigeren Preisen eingestiegen sind. Um dies zu ermöglichen wäre eine dramatische Ausweitung von Krediten oder der Geldmenge nötig, damit die vielen hierfür nötigen Käufer die Aktien den bestehenden Aktionären zu diesem Preis abnehmen können.
Der sicherste Weg in "normalen" Zeiten eine Investition in eine Aktie zu bewerten liegt nach wie vor darin, die Dividendenzahlung in die Betrachtung mit einzubeziehen. Viele Unternehmen der New Economy haben niemals Gewinne erwirtschaftet. Die Korrektur der Überbewertung ihrer Aktienkurse erfolgte als Platzen der Dotcom-Blase.
Angesichts unterschiedlicher Berechnungsmethoden zur Ermittlung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses von Aktien fällt diese Betrachtung nicht immer leicht. Aktien gibt es übrigens seit hunderten von Jahren. Neuartige Methoden zur Berechnung von Kurs-Gewinn-Verhältnissen, bei denen von offiziellen Bilanzierungsregeln abgewichen wird, gibt es erst seit kurzer Zeit.
Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung des wichtigsten deutschen Aktienindex DAX während der letzten 20 Jahre.
Waren Aktien während der Dotcom-Blase (1995-2002) und der zurzeit platzenden US-Immobilien-Spekulationsblase wertvoll... oder teuer? Es ist übrigens belegt, dass die US-Immobilien-Spekulationsblase absichtlich herbeigeführt wurde.
Waren Aktien vielleicht einfach nur überteuert statt wertvoll?
Übrigens fließen -- womöglich überteuerte -- Aktien nicht in die "Inflationsberechnung", den Verbraucherpreisindex, mit ein. Wie wäre das wohl... eine fiktive Pressemeldung: "Wie das statistische Bundesamt heute mitteilte, mussten deutsche Bürger für ihre Aktien-basierte Altersvorsorge im Juni gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien 15% mehr aufwenden als noch im Vorjahr."
Inflation und Deflation gleichzeitig
Wie wir gesehen haben ist der Begriff der Inflation einigermaßen überstrapaziert. Er bezeichnet ursprünglich die Ausweitung der Geldmenge. Eine Formel legt nahe dass dies unter Umständen, die häufig nicht näher betrachtet werden, mit Preisveränderungen einhergeht. Und schließlich wird der Begriff Inflation im Zusammenhang mit statistischen Erhebungen genutzt, um eine Teuerungsrate zu benennen, die für kaum einen Verbraucher repräsentativ ist.
Aktuell wird auch oft von Deflation gesprochen. Leider mit derselben Mehrdeutigkeit: Gemeint ist ursprünglich eine Verringerung der Geldmenge. Diese ergibt sich durch den Ausfall von Krediten sowie Liquiditätsengpässe aufgrund der Neubewertung von Vermögen. Sofern diese Veränderungen auf die Realwirtschaft treffen ergibt sich zwangsläufig eine Mischung aus einer geringeren Anzahl von Käufen/Verkäufen und niedrigeren Preisen, denn es gilt immer noch M × V = P × T.
Hinzu kommt dass Menschen unnötige Käufe aufschieben. Hierdurch verringert sich zusätzlich zur Geldmenge die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.
Hieraus erklärt sich logisch das Verhalten von Zentralbanken. Sie müssen bestrebt sein, die Geldmenge auszuweiten und Optimismus zu verbreiten. Nur dann gilt die vereinfachte Version der Formel, in der man die Kauffreudigkeit (Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sowie Anzahl der Käufe/Verkäufe) ausklammern kann. (Hier gibt es eine kurze Betrachtung einer Rede von Ben Bernanke, dem Vorsitzenden der US-Zentralbank Federal Reserve.)
Wenn wir nun alles als Ganzes betrachten und eine Prise gesunden Menschenverstand hinzunehmen kommen wir zu einleuchtenden und klaren Schlussfolgerungen.
Für die weitere Betrachtung erinnern wir uns daran, dass die Wirtschaft von Menschen getragen wird. Verunsicherte Menschen ändern ihr Verhalten. Während alle Menschen unterschiedliche Vorlieben haben, werden sie doch ähnliche Strategien anwenden.
Wir können all das bereits beobachten. Eine namhafte preisgünstige Bekleidungskette hat beispielsweise ein Rekordergebnis erwirtschaftet, während sich der erste Anbieter von Luxusbekleidung und -Accessoires auf die Insolvenz vorbereitet.
Ein paar einfache Fragen führen uns nun zu einer ergreifend banalen Antwort, wie sich die Preise in bestimmten Marktsegmenten entwickeln werden... denn selbstverständlich gilt die Quantitätsgleichung nicht "marktübergreifend"; das Indiz für diese Tatsache haben wir gerade im Bekleidungssektor gefunden. Und im Gegensatz zu Ökonomen interessieren sich Bürger weniger für die Entwicklung der Geldmenge als für die Entwicklung der Preise.
Deflation? Natürlich. Die Geldmenge ist kleiner als vor zwei Jahren.
Presisenkungen? Natürlich. Bei Aktienkursen, bei Motorbooten, bei Automobilen, bei Nerzmänteln.
Inflation? Natürlich, partiell. Goldman Sachs hat schon wieder Geld aus Geld erschaffen und wird das sicher weiter einsetzen... aber wohl nicht zur Vergabe von Krediten an notleidende Hauseigentümer.
Preiserhöhungen? Aber natürlich! Bei billigen und mittleren Nahrungsmitteln, preiswerten Kosmetika, im öffentlichen Personennahverkehr... überall dort wo die Nachfrage in dieser Situation steigt.
Wetten dass?
Ganz einfach. Inflation und Deflation zugleich und in jeglicher Hinsicht.
Unsere Mission | Impressum | Rechtshinweise | Regeln
Im Roman "1984" beschreibt George Orwell unter anderem, wie ein totalitärer Staat den Menschen durch eine stetige "Vereinfachung" der Sprache und die Abschaffung "unnötiger" Worte die Möglichkeit nimmt, sich über Themen auszutauschen die dem Staat ein Dorn im Auge sind. Dem Protagonisten entgeht nicht, dass fehlende Worte nicht nur die Kommunikation erschweren sondern bereits das eigene Denken beeinträchtigen.
In seiner Gegenthese, dem Roman "1985", vertritt Anthony Burgess übrigens den Standpunkt, dass hierzu kein totalitäres System notwendig sei. Ein Fernseher und entsprechende Sendungen für Kinder reichten völlig aus, sofern die Eltern wenig Zeit für ihre Kinder aufbringen können.
Allein anhand der Art wie die Debatte um Inflation oder Deflation geführt wird lässt sich erahnen, dass eine detaillierte Begriffsklärung hilfreich wäre.
Inflation oder Teuerungsrate?
Schaut man auf die Quantitätsgleichung, die in der Volkswirtschaftslehre (wenn auch mit Varianten) weithin akzeptiert wird, so offenbart sich unmittelbar dass Inflation und Teuerungsrate zwei völlig verschidene Dinge sind, auch wenn die Quantitätsgleichung (M × V = P × T) sie in Relation setzt.
Inflation bezeichnet die Ausweitung der Geldmenge M.
Teuerungsrate bezeichnet die Geschwindigkeit des Anstiegs des Preisniveaus P.
Die Quantitätsgleichung betrachtet zwei weitere Faktoren, nämlich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes V sowie die Anzahl der Käufe/Verkäufe T, womit indirekt auch die Verfügbarkeit einer Ware sowie die Wirtschaftsleistung erfasst sind: Steigt bei gleicher Umlaufgeschwidigkeit V die Geldmenge M, muss entweder mehr Ware produziert werden so dass mehr verkauft werden kann (T) oder das Preisniveau P steigt.
Wissenschaftler vereinfachen gern. Unter "normalen" Umständen ändert sich die Umlaufgeschwindigkeit von Geld kaum und Waren sind ihrem Charakter entsprechend verfügbar (Software unterliegt anderen Regeln als Rohstoffe oder Auftragsfertigungen). Unter dieser Annahme schlägt sich die Ausweitung der Geldmenge in höheren Preisen nieder, sofern die Wirtschaftsleistung nicht in gleichem Maße ansteigt.
Und dennoch...
Statistische Ermittlung des Verbraucherpreisindex
Die Teuerungsrate wird vom statistischen Bundesamt ermittelt. Gründe dafür gibt es viele. So sind Warengruppen individuellen Zyklen unterworfen: Von Ernteausfällen über neue Genehmigungsverfahren und Modetrends bis hin zu Projektvorlaufzeiten und Überbewertungen reichen die Faktoren, durch welche die Verfügbarkeit und Bepreisung von Waren real beeinflusst werden.
Wie der im letzten Absatz referenzierte Artikel aufzeigt entspricht die ermittelte Teuerungsrate, der Verbraucherpreisindex, nicht der persönlichen Erfahrung der Menschen. Dies liegt unter anderem daran dass in der Statistik Komfort- und Leistungssteigerungen von realen Preisen abgezogen werden während Konsumenten Wiederanschaffungen gern "in der selben Preisklasse wie bisher" vornehmen und den Ausstattungsgewinn als gegeben hinnehmen. Auch unterscheiden sich die Berechnungsmethoden von Staat zu Staat, was die Darstellung der realen Wirtschaftsleistung verzerrt. Hinzu kommt dass der verwendete Warenkorb den individuellen Kaufgewohnheiten oft nicht entspricht.
Wir sehen also dass reale Preisniveaus nicht mit der Quantitätsgleichung berechenbar sind. Sie ist zwar gültig, aber keine Kristallkugel. Daher werden Preisniveaus ermittelt, aber der statistisch ermittelte Verbraucherpreisindex gibt nur begrenzt die Kaufkraft unter individuellen Lebensumständen wieder.
Wertvoll oder teuer?
Ob etwas wertvoll oder teuer ist entscheidet sich anhand einer Mischung psychologischer Faktoren und objektiver Marktdaten. Diese Mischung ist für verschiedene Investitionen spezifisch und von der wahrgenommenen Gesamtsituation abhängig. In den Preis von Rohöl fließt beispielsweise neben dem aktuellen Verhältnis von Angebot und Nachfrage auch die Lagerhaltung und die Einschätzung der zukünftigen Nachfrage ein. Ob ein Preis für eine Immobilie angemessen ist richtet sich nach ihren Baukosten, aber auch nach ihrer Lage. Die Wiederaufnahme einer Bahnlinie beispielsweise hat schon manchem Immobilienpreis drastisch sinken lassen.
In besonderen Marktsituationen kommen zusätzliche Faktoren ins Spiel. Mangelnde Liquidität beispielsweise belastet die Preise für hochpreisige nicht lebensnotwendige Güter in der Regel stark. In den USA ist beispielsweise der Markt für gebrauchte Motorjachten so weit zusammengebrochen dass Eigentümer ihre Boote unkenntlich machen und davontreiben lassen um die Unterhaltskosten nicht mehr aufbringen zu müssen.
Wie stark die eigene Wahrnehmung auch durch Marketing und die dort stets wiederholten Aussagen geprägt wird lässt sich gut am Beispiel der Aktien sehen. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren Aktien Anteilsscheine, die man vorrangig wegen der erwarteten Dividendenzahlungen besaß. Dass man viele von ihnen auch weitergeben konnte war sicher praktisch und notwendig, aber nicht das Hauptgeschäft.
Wohl die große Popularität der Aktienmärkte hat dazu geführt, dass die vielen ohnehin vorhandenen Euphemismen um Unwahrheiten ergänzt werden. Dass man selten von "Verlusten" und viel häufiger von "Gewinnmitnahmen" hört stützt natürlich euphemistisch das illusorische Gesamtbild einer stetig wachsenden Wirtschaft, aber dass bei fallenden Aktienkursen inzwischen von "Kapitalvernichtung" gesprochen wird ist irreführend. Denn die Tatsache, dass zwei Handelspartner eine Aktie zu einem bestimmten Kurs handeln, bedeutet grundsätzlich nicht dass ein anderer Aktionär diesen Preis ebenfalls erzielen könnte. Die Verwendung des Begriffs "Kapital" im Zusammenhang mit Aktienkursen ist insofern unverantwortlich, weil eine Aktie kein Kapital darstellt, sondern vielmehr Vermögen. Die Verkäuflichkeit einer Aktie, ihre Liquidität, ihre Volatilität und ihr Handelswert können sich mit einer einzigen Unternehmensmitteilung von einer Sekunde zur nächsten dramatisch ändern.
Allerdings hat sich eine ganze Finanzindustrie darauf verlegt, Aktien als zukunftssichere und rentable Anlageform zu propagieren. Dazu gehört dass man über die Marktkapitaliserung eines Unternehmens spricht als wäre dies das Geld, das Menschen in das Unternhmen oder seine Aktien investiert hätten. Das ist beides völlig unzutreffend: Diese Summe Geldes hat es niemals gegeben, sofern der Aktienkurs nahe bei seinen Hochs notiert, denn viele Aktionäre sind ja zu deutlich niedrigeren Preisen eingestiegen.
Insofern muss die Frage erlaubt sein wie es wohl möglich wäre dass alle Aktionäre zu einem Höchstkurs aus einer Aktie aussteigen können obwohl viele bei niedrigeren Preisen eingestiegen sind. Um dies zu ermöglichen wäre eine dramatische Ausweitung von Krediten oder der Geldmenge nötig, damit die vielen hierfür nötigen Käufer die Aktien den bestehenden Aktionären zu diesem Preis abnehmen können.
Der sicherste Weg in "normalen" Zeiten eine Investition in eine Aktie zu bewerten liegt nach wie vor darin, die Dividendenzahlung in die Betrachtung mit einzubeziehen. Viele Unternehmen der New Economy haben niemals Gewinne erwirtschaftet. Die Korrektur der Überbewertung ihrer Aktienkurse erfolgte als Platzen der Dotcom-Blase.
Angesichts unterschiedlicher Berechnungsmethoden zur Ermittlung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses von Aktien fällt diese Betrachtung nicht immer leicht. Aktien gibt es übrigens seit hunderten von Jahren. Neuartige Methoden zur Berechnung von Kurs-Gewinn-Verhältnissen, bei denen von offiziellen Bilanzierungsregeln abgewichen wird, gibt es erst seit kurzer Zeit.
Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung des wichtigsten deutschen Aktienindex DAX während der letzten 20 Jahre.
Waren Aktien während der Dotcom-Blase (1995-2002) und der zurzeit platzenden US-Immobilien-Spekulationsblase wertvoll... oder teuer? Es ist übrigens belegt, dass die US-Immobilien-Spekulationsblase absichtlich herbeigeführt wurde.
Waren Aktien vielleicht einfach nur überteuert statt wertvoll?Übrigens fließen -- womöglich überteuerte -- Aktien nicht in die "Inflationsberechnung", den Verbraucherpreisindex, mit ein. Wie wäre das wohl... eine fiktive Pressemeldung: "Wie das statistische Bundesamt heute mitteilte, mussten deutsche Bürger für ihre Aktien-basierte Altersvorsorge im Juni gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien 15% mehr aufwenden als noch im Vorjahr."
Inflation und Deflation gleichzeitig
Wie wir gesehen haben ist der Begriff der Inflation einigermaßen überstrapaziert. Er bezeichnet ursprünglich die Ausweitung der Geldmenge. Eine Formel legt nahe dass dies unter Umständen, die häufig nicht näher betrachtet werden, mit Preisveränderungen einhergeht. Und schließlich wird der Begriff Inflation im Zusammenhang mit statistischen Erhebungen genutzt, um eine Teuerungsrate zu benennen, die für kaum einen Verbraucher repräsentativ ist.
Aktuell wird auch oft von Deflation gesprochen. Leider mit derselben Mehrdeutigkeit: Gemeint ist ursprünglich eine Verringerung der Geldmenge. Diese ergibt sich durch den Ausfall von Krediten sowie Liquiditätsengpässe aufgrund der Neubewertung von Vermögen. Sofern diese Veränderungen auf die Realwirtschaft treffen ergibt sich zwangsläufig eine Mischung aus einer geringeren Anzahl von Käufen/Verkäufen und niedrigeren Preisen, denn es gilt immer noch M × V = P × T.
Hinzu kommt dass Menschen unnötige Käufe aufschieben. Hierdurch verringert sich zusätzlich zur Geldmenge die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.
Hieraus erklärt sich logisch das Verhalten von Zentralbanken. Sie müssen bestrebt sein, die Geldmenge auszuweiten und Optimismus zu verbreiten. Nur dann gilt die vereinfachte Version der Formel, in der man die Kauffreudigkeit (Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sowie Anzahl der Käufe/Verkäufe) ausklammern kann. (Hier gibt es eine kurze Betrachtung einer Rede von Ben Bernanke, dem Vorsitzenden der US-Zentralbank Federal Reserve.)
Wenn wir nun alles als Ganzes betrachten und eine Prise gesunden Menschenverstand hinzunehmen kommen wir zu einleuchtenden und klaren Schlussfolgerungen.
- Momentan erleben wir durch Kreditausfälle und Wertberichtigungen eine technisch extrem deflationäre Phase (die Geldmenge M verringert sich).
- Die Zentralbanken kämpfen dagegen mit der Bereitstellung von Liquidität an (M vergrößert sich).
- Die Verbraucher sind verunsichert und geben ihr Geld weniger schnell aus (V verringert sich).
- Die Geschäftsbanken sind in Sorge wegen der Solvenz potenzieller Kreditnehmer und vergeben seltener Kredite. Hierdurch fällt der normale Kreditvergabe-Hebel kleiner aus und die von der Zentralbank bereitgestellte Liquidität erreicht nicht wie in "normalen" Zeiten vervielfacht den Markt (M verringert sich durch die Geschäftsbanken stärker als es durch die Zentralbanken vergrößert wird).
- Die Zentrlabanken kämpfen hiergegen mit positiven Ausblicken an. (Die Erfolge hängen von der Verfügbarkeit relevanter Fundamentaldaten ab; im Wesentlichen ergibt sich an den Märkten eine hohe Volatilität aufgrund von Stimmungsschwankungen.)
Für die weitere Betrachtung erinnern wir uns daran, dass die Wirtschaft von Menschen getragen wird. Verunsicherte Menschen ändern ihr Verhalten. Während alle Menschen unterschiedliche Vorlieben haben, werden sie doch ähnliche Strategien anwenden.
- Unwichtige Anschaffungen und Aktivitäten werden verschoben oder aufgegeben.
- Entbehrliche Luxusgüter werden je nach Situation (Liquidität) abgestoßen.
- In persönlich als nicht wichtig erachteten Bereichen (Lebensmittel, Kleidung, Freizeitgestaltung) wird preisbewusster agiert.
- Die Inanspruchnahme von Dienstleistungen wird neu bewertet.
Wir können all das bereits beobachten. Eine namhafte preisgünstige Bekleidungskette hat beispielsweise ein Rekordergebnis erwirtschaftet, während sich der erste Anbieter von Luxusbekleidung und -Accessoires auf die Insolvenz vorbereitet.
Ein paar einfache Fragen führen uns nun zu einer ergreifend banalen Antwort, wie sich die Preise in bestimmten Marktsegmenten entwickeln werden... denn selbstverständlich gilt die Quantitätsgleichung nicht "marktübergreifend"; das Indiz für diese Tatsache haben wir gerade im Bekleidungssektor gefunden. Und im Gegensatz zu Ökonomen interessieren sich Bürger weniger für die Entwicklung der Geldmenge als für die Entwicklung der Preise.
- Werden wir Notverkäufe von Gebrauchtwagen erleben, wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt oder die Realeinkommen wegen höherer Steuern und Sozialabgaben sinken?
- Wie viele Menschen werden häufiger Mahlzeiten zu Hause zubereiten und weniger oft Restaurants aufsuchen?
- Ist kostspielige Freizeitgestaltung Luxus?
- Kann man nicht eine ganze Menge sparen wenn man Wartungszyklen verlängert?
- Ist die Reise/Dienstreise wirklich nötig? Es gibt doch moderne Software/Videokonferenzen.
- Reicht die Leistung des Notebooks nicht noch ein oder zwei Jahre aus?
- Könnte ich mir eine neue Jacke leisten wenn ich auf ein subventioniertes Mobiltelefon verzichte und stattdessen eine Auszahlung für die Vertragsverlängerung erhalte?
- Die Ostseeküste ist doch eigentlich ganz schön, oder?
Deflation? Natürlich. Die Geldmenge ist kleiner als vor zwei Jahren.
Presisenkungen? Natürlich. Bei Aktienkursen, bei Motorbooten, bei Automobilen, bei Nerzmänteln.
Inflation? Natürlich, partiell. Goldman Sachs hat schon wieder Geld aus Geld erschaffen und wird das sicher weiter einsetzen... aber wohl nicht zur Vergabe von Krediten an notleidende Hauseigentümer.
Preiserhöhungen? Aber natürlich! Bei billigen und mittleren Nahrungsmitteln, preiswerten Kosmetika, im öffentlichen Personennahverkehr... überall dort wo die Nachfrage in dieser Situation steigt.
Wetten dass?
Ganz einfach. Inflation und Deflation zugleich und in jeglicher Hinsicht.
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Inflation & Deflation, Oktober 2009: Der Klang des Einhand-Klatschens
Es mehren sich zum Glück die Stimmen intelligenter Menschen, die Inflation und Deflation als Phänomene sehen die gleichzeitig stattfinden können (auch wenn das in den letzten Jahrzehnten nicht der Fall war, so dass wir es dank der "Vereinfachungen" im Spr
Es mehren sich zum Glück die Stimmen intelligenter Menschen, die Inflation und Deflation als Phänomene sehen die gleichzeitig stattfinden können (auch wenn das in den letzten Jahrzehnten nicht der Fall war, so dass wir es dank der "Vereinfachungen" im Spr
Weblog: denkfaul.de
Aufgenommen: Okt 18, 22:43
Aufgenommen: Okt 18, 22:43
Berechnung der Teuerungsrate (Inflationsrate) durch das Statistische Bundesamt DESTATIS
Das DESTATIS informiert auf seiner Website vorbildlich über den Warenkorb, der für die Berechnung der Teuerungsrate (Inflationsrate) herangezogen wird. Besuchen Sie das DESTATIS Preis-Kaleidoskop. Hier ein Schnappschuss für den Dezember 2009 (für Vergr
Das DESTATIS informiert auf seiner Website vorbildlich über den Warenkorb, der für die Berechnung der Teuerungsrate (Inflationsrate) herangezogen wird. Besuchen Sie das DESTATIS Preis-Kaleidoskop. Hier ein Schnappschuss für den Dezember 2009 (für Vergr
Weblog: denkfaul.de
Aufgenommen: Feb 02, 13:04
Aufgenommen: Feb 02, 13:04
Umverteilung und Schöpfung aus dem Nichts: ver.di fordert 5% von etwas das es nicht gibt
Herzlich willkommen im Herzen der Skurrilitäten unseres modernen Geldsystem in Zeiten der Deflation. Die Ausgewogenheit von Einkommen entlang der Berufsgruppen ist ein weites Feld, das wir hier nicht betrachten wollen. Es gibt Länder mit ganz anderen E
Herzlich willkommen im Herzen der Skurrilitäten unseres modernen Geldsystem in Zeiten der Deflation. Die Ausgewogenheit von Einkommen entlang der Berufsgruppen ist ein weites Feld, das wir hier nicht betrachten wollen. Es gibt Länder mit ganz anderen E
Weblog: denkfaul.de
Aufgenommen: Feb 03, 10:37
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