Nach einem recht verunglückten Artikel über die Debatte bezüglich der Verschuldungsgrenze der USA, den wir hier kritisch gewürdigt hatten, versucht sich der Spiegel an einer Nachbesserung, die sinnhafter ist.
"Politisches Säbelrassen", sagt Amerika-Forscherin Mildner. "Die Republikaner werden zustimmen - und im Gegenzug weitere Sparmaßnahmen einfordern." Auch Ökonom Straubhaar bezeichnet die Auseinandersetzung als Machtprobe. [...] "Das ist eine inner-amerikanische Machtprobe, die für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte eine untergeordnete Bedeutung hat. Niemand kann davon ausgehen, dass eine Zahlungsunfähigkeit wirklich umgesetzt würde."Genau. Leider beinhaltet der Artikel auch Unfug:
Eine wichtige Rolle spielt China: Denn die Volksrepublik hält mit Abstand die meisten US-Staatsanleihen - und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, sagt Stefan Schneider von der Abteilung Research der Deutschen Bank.Das ist schlicht unzutreffend. Seit einigen Wochen hält die US-Zentralbank Federal Reserve mehr US-Staatsanleihen als China.
Und genau deshalb bleibt die Dominanz der USA einstweilen bestehen.
Portugal steht vor der Pleite
Die Kapitalmärkte und auch denkfaul.de-Leser wissen schon länger, dass Portugal sich innerhalb der Eurozone nicht sinnvoll selbst retten kann. Inzwischen scheinen es auch Deutschland und Frankreich verstanden zu haben, und es steht sogar im Spiegel:
Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende? Deutschland und Frankreich haben sich zur Lösung der Portugal-Krise offenbar für die erste Alternative entschieden: Sie wollen den Krisenstaat drängen, möglichst bald unter den Euro-Rettungsschirm zu schlüpfen.Das wäre natürlich in Wahrheit der Schrecken ohne Ende und nicht, wie der Spiegel behauptet, ein Ende mit Schrecken. Gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen hat noch nie Sinn gemacht.
Das finanziell angeschlagene Land werde nicht mehr lange Kredite am Kapitalmarkt aufnehmen können, vermuten Experten beider Regierungen.Da gibt es nichts zu vermuten. Das ist Fakt.
Die Regierung in Lissabon widersetzt sich ohnehin, weil sie Sparauflagen fürchtet, die mit Unterstützungszahlungen verbunden sind.Was auch sonst. Die Portugiesen können ihre Währung ja nicht abwerten, wie es eigentlich gesund wäre. Also muss gespart werden. Aber natürlich möchte man nicht, dass das Sparprogramm fremdbestimmt wird.
Offenbar erhält Portugal auch von einem bislang unbekannten Geldgeber einen Kredit. Das Finanzministerium erklärte, derzeit Staatsanleihen über eine sogenannte Privatplatzierung zu verkaufen. "Wir werden keinen Kommentar zu dem Käufer abgeben", sagte eine Sprecherin des Ministeriums.Schafft man an den Märkten so Vertrauen?
An den Märkten wird spekuliert, dass China portugiesische Anleihen kaufen könnte, um einen Beitrag zur Eindämmung der europäischen Schuldenkrise zu leisten.China will keinen Beitrag zur Eindämmung der europäishen Schuldenkrise leisten, sondern sein riesiges, vom Wertverfall bedrohtes, auf US-Dollar lautendes Portfolio von Sicherheiten und Reserven diversifizieren.
Auch die Allianz Leben fordert wegen der niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten ein baldiges Ende der Stützungskäufe durch die EZB. "Der Ankauf von EU-Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank im großen Stil war der Sündenfall", sagte der Chef der Allianz Leben Maximilian Zimmerer dem SPIEGEL. Diese Strategie müsse "so bald wie möglich gestoppt werden".Die Allianz möchte ihren Kapitallebensversicherungs-Kunden gern Auszüge zusenden, die belegen, dass angeblich sichere Investitionen in festverzinsliche Anleihen auch sinnvolle Zinserträge liefern. Sonst kündigen zu viele Kunden ihre Verträge. Das wäre weder schön für die Allianz noch für den Anleihenmarkt.
Und so wird nach Irland auch Portugal seine Souveränität verlieren und sich vom EU-Rettungsfonds seine Sparmaßnahmen diktieren lassen müssen.
Deutsche Kommunen sind pleite
Das Handelsblatt berichtet, dass eine große Zahl von Kommunen wegen ihrer Finanzlage unter verschärfter Aufsicht steht.
Beispiel Kiel. In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt summieren sich die Kassenkredite bald auf eine halbe Milliarde Euro. "Wir werden in absehbarer Zeit nicht mehr in der Lage sein, das Tagesgeschäft zu bezahlen", sagt Oberbürgermeister Torsten Albig. Um einen Finanzkollaps der Städte zu verhindern, brauche Deutschland "einen Solidarpakt für die Kommunen".Aber das ist noch nicht alles.
Nächstes Jahr [2011; der Artikel ist vom 29.12.2010]droht sich die Lage der Kommunen weiter zu verschlechtern. Grund sind die neuen Eigenkapitalvorschriften Basel III, die Experten zufolge auch die Kreditvergabe der Pfandbriefbanken an Kommunen erheblich erschweren werden.Bereits Basel II beinhaltet schärfere Auflagen bezüglich Staatsanleihen als Sicherheiten als Basel I, das noch davon ausgeht, dass Staaten ihre Schulden immer bedienen. Nachdem die USA Basel II niemals haben in Kraft treten lassen, wird befüchtet, dass sie auch Basel III niemals umsetzen werden, wie wir bereits dargelegt hatten.
Und so verlieren deutsche Kommunen ihre Souveränität und müssen sich ihre Haushalte und Sparmaßnahmen von Regierungspräsidenten genehmigen lassen.
Deutschland muss zahlen
Mit vielen Worten, doch zumindest gelegentlich zweifelhaften Argumenten, wurde der Euro Ende letzten Jahres in den hiesigen Medien meist bejubelt. Bereits im November spekulierten wir, es könne möglich sein, dass Deutschland sich in Wahrheit auf einen möglichen Ausstieg aus der Währungsunion vorbereite. Anfang Dezember berichtete der Guardian, dass Angela Merkel tatsächlich mit dem Ausstieg Deutschlands aus der Eurozone gedroht habe. Und übrigens wären die Kosten dafür nicht unbedingt so hoch, wie oft dagestellt wird.
Nun meldet sich Nouriel Roubini zu Wort und erklärt, dass es entweder zum Bruch kommen wird, oder Deutschland für die Schuldenkrise in der Eurozone wird aufkommen müssen.
Das kann man sich allerdings auch ohne Nouriel Roubini ausmalen. Und so wird Deutschland dem Diktat des Geldes folgen müssen und wesentlicher Entscheidungsspielräume beraubt werden.
Die Ohnmacht der Politik und der Zentralbanken
Geld wurde von den Menschen angeblich erfunden, damit es ihm zum Zwecke des Tausches nützlich sei.
Heute steht Geld über Allem. Die Politik konnte und kann (ohne Änderung der Spielregeln) nichts daran ändern. Auch die Zentralbanken konnten und können (ohne Änderungen des Geldsystems) nichts daran ändern.
Es wäre schön, wenn Geld wieder den Menschen dienen würde, anstatt die Menschen dem Geld.
Unterdessen, in der Schweiz
Schaut man zu unseren Nachbarn in der Schweiz, so kann man geradezu neidisch werden. Aus einem Anschreiben einer schweizerischen Bank an ihre Kunden, Januar 2011:
Die letztjährigen Prognosen der Wirtschaftsexperten, wonach die Schweiz im Jahr 2010 in eine Rezession fallen werde, haben sich glücklicherweise nicht erfüllt. [...] Für das Jahr 2011 rechnen wir für [den Kanton, in dem die Bank ansässig ist] mit einem Wirtschaftswachstum von 1,7 %. Der grösste Unsicherheitsfaktor - die vom finanziellen Zusammenbruch bedrohten europäischen Risikostaaten - bleibt bestehen.Irgendwie erfrischend, wenn man Dinge einfach so beim Namn nennen darf.
Denken Sie!
Guten Tag! Und: Denken Sie, was Sie wollen.
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