Immer wieder: Inflation oder Deflation?
Dieser Tage scheinen
die Märkte nicht recht zu wissen, wie sie sich positionieren sollen. Inflation? Deflation? Wir hier bei
denkfaul.de wissen nicht einmal, was
die Märkte genau damit meinen. Vermutlich wissen
die Märkte das auch nicht genau. Schließlich sind die
Begriffspaare Inflation und Preiserhöhungen sowie Deflation und Preissenkungen seit Jahrzehnten durch eine nicht allgemein zulässige Vereinfachung untrennbar miteinander verwoben. Absichtlich oder versehentlich? Nicht nur der
Kinofilm Inside Job legt nahe, dass die Lehre der Wirtschaftswissenschaften gezielt beeinflusst wurde, um bestimmte Zusammenhänge nicht klar zu Tage treten zu lassen. Wenn Sie
Inside Job nicht überzeugen kann und Sie der englischen Sprache mächtig sind, lesen Sie den wundervoll recherchierten Artikel
Why Deficits Stopped Mattering von Eric deCarbonnell.
Sie wächst, sie wächst nicht, sie wächst, sie wächst nicht...
Ein weiterer unzutreffender Begriff verwirrt die sogenannten Analysten und Experten:
Die US-Wirtschaft. Vergessen Sie das. Eine Reihe von US-Unternehmen wird von einer zurückgehenden Kaufkraft der US-Bürger nicht in bedeutendem Umfang tangiert. Seien Sie klüger als diejenigen, die immer noch einen nachhaltigen Zusammenhang zwischen US-Arbeitslosenzahlen und US-Aktienkursen sehen. Es schadet natürlich nicht, wenn Sie in Ihr Kalkül einbeziehen, dass Sie eine von der Mehrheit abweichende Meinung haben.
Deutschland betreffend sind die unsinnigen
XL-Aufschwung-Schlagzeilen über die Sommerwochen hinweg glücklicherweise verschwunden. Einigen Berichten zufolge soll die deutsche Wirtschaft ja das
Vorkrisenniveau minimal übertroffen haben. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Unisnn. Denn um die Wirtschaftsleistung mit Werten aus der Vergangenheit zu vergleichen, wird sie um die ermittelte Teuerungsrate bereinigt. Und diese
ermittelte Teuerungsrate ist geschönt, so dass sich ein Scheinwachstum ergibt.
Und die Aussichten sind, mit gesundem Menschenverstand betrachtet, trübe; dazu unten mehr. Insofern ist die Meldung, dass der
XL-Aufschwung nun auf den Konten der Arbeitnehmer ankomme, eher ambivalent zu werten. So schließt der Artikel denn auch zu Recht mit den Worten von Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft:
"Doch während die bisherigen Zuwächse vor allem vom Konjunkturaufschwung getragen waren, könnte sich künftig zunehmend stärker der Einfluss der Fachkräfteknappheit auf die Lohnentwicklung bemerkbar machen."
Sicher, stabil und schön
Kennen Sie die
zwei-Euro-Gedenkmünze zehn Jahre europäische Wirtschafts- und Währungsunion? Melden Sie sich doch bitte bei uns, wenn Ihnen an der Gestaltung positive Symbolik auffällt.
Einstweilen sehen wir darin ein in eine unförmige Blase gesperrtes Strichmännchen, das unbeholfen das übermächtige Euro-Symbol hochhält.
Unbeholfen ist (bestenfalls) auch die folgende
Meldung von n-tv vom 29.08.2011: Inflation bei 2,3 Prozent: [...] die Inflationsrate [verharrt] weiter über der kritischen Zwei-Prozent-Marke. Einen Hoffnungsschimmer für die Verbraucher gibt es allerdings. Die Benzin- und Spritpreise steigen nicht mehr so schnell wie in der Vergangenheit. Gegenüber dem Vormonat sanken sie im August sogar. Was für ein Hoffnungsschimmer soll das bitteschön sein, wenn
trotz sinkender Kraftstoffpreise die Teuerungsrate über 2% liegt?
Gestern nun hat
Ewald Nowotny, Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank, prognostiziert, dass sich die die Preisstabilität in der Eurozone im der nahen Zukunft wie von der EZB gewünscht entwickeln werde.
Bei allem Respekt, wir haben da eine andere Meinung. Denn:
Politik oder Markt?
Gut, wenn es nach der Politik geht, müsste die Überschrift
Politik oder Spekulanten? heißen. Aber das wird und wird einfach nicht wahrer;
Spekulanten, die sich auf die falsche Seite stellen, verlieren eine Menge Geld; ob nun bei Rohstoffen oder Staatsanleihen. Daher wäre es völlig ausreichend, solide fiskalpolitische Entscheidungen zu treffen, um Spekulanten von Spekulationen abzuhalten. Freilich fällt es schwerer, solide zu wirtschaften, als die Schuld auf
die Spekulanten zu schieben. Das war schon
1971 so, als Präsident Richard Nixon Spekulanten beschuldigte, den US-Dollar anzugreifen, während er verschwieg, dass die USA im bestehenden Bretton-Woods-System de facto zahlungsunfähig waren.
Hierzulande versucht
Angela Merkel anscheinend, eine glaubwürdige, stabile, wenn auch umstrittene Eurozonen-Politik durchzusetzen. Die Mehrheit der Bundesbürger meint allerdings, dass das unerheblich ist. Das dürfte angesichts der Dimension des Themas auch richtig sein. Angela Merkel könnte höchstens eine deutsch-französische Gemeinschaftswährung beeinflussen. Die heutige Eurozone hingegen hat sich klar als loser Verbund von Staaten herausgestellt, die auf wundersame Weise alle gleichzeitig vom Euro profitieren wollen, ohne die dafür notwendigen Voraussetzungen schaffen zu wollen.
Im
Scheißland Italien, wo man statt
stabilitätsorientierter Zentralbanken eher mit
Personal von Goldman Sachs liebäugelt, geht man mit fiskalpolitischer Verantwortung gleich ganz anders um: Da
plant man ein Sparpaket und kündigt es in Kalendwerwoche 32 an, während die
Europäische Zentralbank Rekordmengen italienischer (und spanischer) Staatsanleihen kauft, und
widerruft Teile der Sparmaßnahme dann gleich wieder in Kalenderwoche 35.
Einen gewissen Charme hat das italienische Modell: Da muss nicht erst lang über die Glaubwürdigkeit von Politik diskutiert werden.
Der Euro ist nicht der US-Dollar
Seit der
Aufhebung der Golddeckung des US-Dollar im Außenhandel 1971 ist der US-Dollar außer durch die Handlungsfähigkeit der USA zusätzlich durch Öl gedeckt. Bereits dieser Umstand allein ermöglicht es den USA, erheblich mehr Geld in Umlauf zu bringen, ohne die Stabilität zu gefährden, als dies für andere Währungen jemals möglich sein wird.
Unterstützt wird der US-Dollar auch durch den
Exchange Stabilization Fund des US-Finanzministeriums. Falls Sie denken, dass es den nicht gibt, weil Sie noch nie davon gehört haben, sollten Sie sich vielleicht die folgende Dokumentation ansehen, die mit einer unfassbaren Sammlung von authentischem Material aus vertrauenswürdigen Quellen aufwartet:
The ESF and its History von Eric deCarbonnel (Wenn Sie sich dafür keine 75 Minuten Zeit nehmen möchten, reicht es, das erste Video anzuschauen, in dem die Existenz und die Zielsetzung des ESF zweifelsfrei belegt werden.)
Und auch die US-Zentralbank Federal Reserve mischt im eigenen Namen mit. Sie bietet Derivate auf US-Staatsanleihen, die von Investoren als Kreditausfallversicherungen genutzt werden können, und kann hierdurch gehebelt den Zinssatz auf US-Staatsanleihen (und damit im Umkehrschluss ihr wahrgenommenes Ausfallrisiko) manipulieren:
Fraud: Federal Reserve Is Selling Put Options On Treasury Bonds To Drive Down Yields von Eric deCarbonnel
Falls Sie zuvor anderer Meinung waren, sollte Ihnen jetzt klar geworden sein, dass der US-Dollar in einer anderen Liga spielt als der Euro, ungeachtet der hinter den beiden Währungen stehenden fast vergleichbaren Wirtschaftsleistungen. Kein Zweifel, die Eurozone lernt. Aber die Veränderungen finden zu langsam statt. Und wenn sich die bisherigen so genannten
Einigungen weiterhin als etwas herausstellen, dessen Detailregelungen noch lang nicht konsensfähig sind, wird die Eurozone weiterhin ihren Problemen hinterherrennen, während die USA einen Großteil der von ihnen erzeugten Teuerung in den Rest der Welt exportieren.
Elliott-Wellen und Schlagzeilen
Sven Weisenhaus hat in seinem Wave Daily diese Woche dem Dax ein zukünftiges Kursziel von 14088 Punkten attestiert.
Sven Weisenhaus kennt sich mit Elliott-Wellen gut aus. Bei der Interpretation von Wirtschaftsdaten können wir uns ihm hingegen eher selten anschließen. Ebenfalls diese Woche schrieb er beispielsweise in seinem Beitrag
Überwiegend positive Konjunkturdaten begründen jüngste Kursanstiege unter anderem:
Inflation ist (und bleibt) kein Thema; diese Zahlen haben wir oben bereits abweichend kommentiert.
Arbeitsmarkt in den USA - positive Vorzeichen für Freitag; nun, hier zeigt sich deutlich, dass Herr Weisenhaus auf eine Überschrift hereingefallen ist, wie wir gleich sehen werden.
So verbesserte sich die Auftragslage der US-Industrie im Juli deutlich. Die Bestellungen seien im Vergleich zum Vormonat um 2,4 % gestiegen nach einem revidierten Minus von 0,4 % im Juni, teilte das Handelsministerium in Washington am Mittwoch mit; allerdings wird
berichtet, dass sogar Goldman Sachs jenseits der Überschrift weitergelesen und die Prognose für die Zahl der neu geschaffenen Stellen daraufhin deutlich nach unten korrigiert hat, weil die einzigen Zuwächse im ISM auf Lagerbestände und ein vergrößertes Handelsbilanzdefizit, also in Wahrheit schlechte Nachrichten, zurückzuführen waren.
Und so ist man sich andernorts auch eher einig, dass die
schlechten Wirtschaftsdaten aus den USA die Wahrscheinlichkeit für weitere geldpolitische Maßnahmen der US-Zentralbank Federal Reserve erhöht haben, anstatt zu glauben, dass die
guten Wirtschaftsdaten aus den USA am Markt Wirkung zeigen.
Dennoch wollen wir die Prognose von Herrn Weisenhaus ungeachtet ihrer streitbaen Begründung im den bunten Reigen von Puzzlestücken aufnehmen, den wir abschließend betrachten werden.
Von Bündnissen, Zerwürfnissen und Spannungen
Ob nun die NATO in Libyen, die Europäische Union in Fragen der Anerrkennung eines Palästinenserstaates, die Eurozone in den Fragen der Besicherung weiterer Griechenland-Hilfen oder der Schaffung von Euro-Bonds, die implizite Fragestellung der Rolle der Türkei oder allein schon die Debatte, ob Deutschland oder Griechenland den Euro sein lassen könnten: Weit und breit keine Anzeichen für Einigkeit. Bedenklich.
Die einzige Einigkeit, die in den westlichen Medien mit staunenswerter Regelmäßigkeit auf dem Radar erscheint, ist wohl, dass der Iran kein Vertrauen verdient.
Nein. Sie fragen jetzt nicht, warum Saddam Hussein oder Muammar al-Gadafi vertrauenswürdig waren (und das waren sie lang genug, wie auch
heute wieder deutlich wurde). Das führt jetzt wirklich nicht weiter.
Gut, hätten wir das geklärt.
Nachdem man davon ausgehen darf, dass der Iran eine zeitlang durch ein Virus an der Fortführung seines Atomprogramms in ausreichendem Maße gehindert wurde, war in dieser Woche
von Fereydoon Abbasi, dem Chef der iranischen Atombehörde, der letztes Jahr nur knapp einem Mordanschlag entgangen ist, zu hören, dass der Iran seine Produktion atomarer Brennstäbe in eine unterirdische, schwer geschützte, militärische Einrichtung verlegt, was laut USA eine Verletzung der Sicherheitsauflagen darstelle.
Jetzt gelangen wir an einen spannenden Punkt, an dem die Bewertung der Situation an einem seidenen Faden hängt.
Beginnen wir mal allgemein. Ein wenig Hintergrundwissen über
Spieltheorie würde nicht schaden. Wenn Sie so viel Zeit nicht haben, auch gut; es reicht, sich mit dem Gedanken des
atomaren Erstschlags auseinanderzusetzen.
Im Hinterkopf behalten wir, dass
Israel den Atomwaffensperrvertrag nie unterzeichnet hat, mit allergrößter Wahrscheinlichkeit eine Atommacht ist, dies nicht offiziell bestätigt, vermutlich über 200 Atomsprengköpfe verfügt und sich
schon einmal aufgrund atomarer Bedrohung in einen Konflikt eingemischt hat.
Im Grunde wird uns gesagt, dass wir nicht genügend Kontrolle über das Atomprogramm des Iran haben, dass die Gefahr einer militärischen Nutzung der Technologie besteht, und dass in diesem Fall eine militärische Bedrohung bestünde.
Wirklich? Ein atomarer Erstschlag will schon gut überlegt sein, wenn man nicht zusätzlich atomar bewaffnete U-Boote in den Weltmeeren herumfahren lässt. Andererseits, wenn die mächtigste Militärmacht auf diesem Planeten den Nachbarstaat besetzt hat und man mit deren engstem Verbündeten, einen Steinwurf weiter und eine heimliche Atommacht, in Feindschaft lebt, wäre man vielleicht gern abgesichert.
Zwei Dinge noch.
Israel sieht sich bis dato unbekannten inneren Spannungen ausgesetzt und hätte
bereits 2009 die Aufnahmekriterien der Eurozone aufgrund der Staatsverschuldung nicht erfüllt. Und: Nach eigener Darstellung hat der
Iran die dritte Phase seiner Ölbörse eingeläutet, deren
erlärtes Ziel die Akzeptanz aller bedeutenden Währungen ist.
So stellt sich die Lage dar. Wir überlassen es Ihnen, sich nach der Richtung zu fragen, in die sich die Situation entwickeln könnte.
Passt das alles zusammen?
Die relative Euro-Stärke wurde zum größten Teil durch die Zinsentscheidungen der EZB in den vergangenen Monaten getrieben. Der Entscheidungsspielraum der EZB ist durch die sehr divergente wirtschaftliche Entwicklung in den unterschiedlichen Eurozonen-Staaten aber alles andere als groß. Die
ersten Rufe nach einer Zinssenkung werden nun laut, und diese sind ja nicht unberechtigt. Zudem endet die Amtszeit Jean-Claude Trichets als Präsident der EZB; sein Nachfolger wird der ehemalige Goldman-Sachs-Vizepäsident Mario Draghi.
Die wachsenden Probleme besonders in China (künstliches Wachstum und
unglaubwürdige Zahlen) und
Brasilien (Zissatzsenkung wegen sinkenden Wachstums bei völlig außer Kontrolle geratener Teuerung) lassen ein durch aufstrebende Schwellenländer getriebenes weiteres Wachstum unwahrscheinlich werden. Die sich verschlechternde Situation in den Eurozonen-Handelspartnern Italien, Frankreich und Spanien wird ebensowenig zur Stabilisierung der deutschen Exporte beitragen. Und der Binnenkonsum... gut, wir sind uns sicher, dass dort aufgrund der XL-Aufschwungs-Gehaltserhöhungen zunächst mäßige Wachstumsraten ausgewiesen werden werden, die allerdings durch die hinterherhinkende, geschönte Inflationsbereinigung verfälscht sein werden.
Eine EZB-Zinssenkung hätte das Potenzial, den EUR/USD-Wechselkurs auf Talfahrt zu schicken, was sich auch charttechnisch gut machen würde. Das wiederum würde diesmal zu erheblicher Teuerung führen, da noch reichlich Preisdruck darauf wartet, an die Verbraucher weitergegeben zu werden. Dies wäre ein möglichere Weg, wie sich die Spannungen im System entladen könnten und
sinnvolle Prognosen für 2011 sich bewahrheiten würden.
Hierdurch und durch neue mögliche Geldmengenlockerungsübungen für den US-Dollar erscheinen steigende Börsennotierungen für Rohstoffe und dominante Unternehmen nicht ganz abwegig. Ein
Dax 14088 ohne lautes Krachen im Getriebe ist allerdings kaum vorstellbar.
Die Auswirkungen einer zusätzlich denkbaren militärischen Auseinandersetzung im Nahen Osten in diese vage Idee einzubauen überlassen wir Ihnen, als gedankliche Lockerungsübung sozusagen.
Haben Sie einen sonnigen Tag. Und denken Sie, was Sie wollen.
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